Physiotherapeutische Betreuung im Amateurfußball

Fast jeder Vereinsverantwortliche, Trainer und Spieler kennt es: Die Vorbereitung auf die neue Saison ist abgeschlossen und die ersten Pflichtspiele stehen vor der Tür. Es gibt nur ein Problem: Die Mannschaft stellt sich fast von selbst auf, da viele Spieler verletzt sind.  Handelt es sich nur um „Verletzungspech“? Oder steckt eventuell mehr dahinter? Was sind mögliche Gründe für eine lange Verletztenliste und was kann man dagegen tun? Wie ist die medizinische Betreuung der Amateurvereine auf Kreisebene grundsätzlich aufgestellt?

Medizinische Betreuung ist das A und O

Heutzutage kann sich ein Verein wirklich glücklich schätzen, wenn er einen Physiotherapeuten oder eine Physiotherapeutin zur regelmäßigen Betreuung seiner Mannschaft gewinnen konnte. Leider sieht der Alltag im Amateurfußball ganz anders aus: Keine physiotherapeutische Betreuung am Spielfeldrand, mangelhafte bis nicht vorhandene Mittel zur Erstversorgung von Verletzungen oder man findet erst gar keinen Freiwilligen, der sich bereiterklärt das Spielfeld zu betreten, um seinen Teamkollegen zu helfen. Bei eingefleischten Kreisligalegenden hilft sowieso nur das einzig wahre Eisspray (egal bei welcher Verletzung) und falls das nicht vorhanden ist, sorgt zumindest das „kühle Blonde“ für Linderung.

Aber gerade die Erstversorgung auf bzw. neben dem Spielfeld ist elementar für den weiteren Heilungsverlauf einer Verletzung. Wirft man Sonntagnachmittag/-abend einen Blick in die meist überfüllten Wartebereiche der umliegenden Krankenhäuser, kann es sich bis zu einer adäquaten Erstversorgung bis zu mehreren Stunden hinziehen. Zusätzlich sind die Ärzte dann oftmals auch noch überlastet. Jeder Spieler, der sich in der Vergangenheit bereits eine größere Verletzung zugezogen hat, weiß, dass die ersten Minuten entscheidend sind: Man geht davon aus, dass pro Minute, die man später mit der Erstversorgung beginnt, der Körper einen Tag mehr an Rehabilitation benötigt. Was ein stundenlanges Warten für den Heilungsprozess bedeutet, kann sich da jeder selbst ausmalen.

Die Betreuung einer Mannschaft ist aber nicht nur sonntags während des Spiels wichtig. Fast noch wichtiger ist die regelmäßige und gründliche Betreuung während des Trainingsbetriebs. Hier wird der Grundstein für die Prävention – Maßnahmen zur Vorbeugung von Verletzungen – gelegt. Diese Maßnahmen können ganz unterschiedlich ausfallen: Von klassischen oder sportphysiotherapeutischen Massagetechniken bis zu aktiven Übungen mit dem Spieler, wie zum Beispiel Stabilitätsübungen. Ein Physiotherapeut ist in diesem Bereich sehr vielseitig einsetzbar: Er kann verletzte Spieler während des Trainings behandeln, Einzeltraining mit Spielern im Aufbautraining durchführen oder auch ein ganzheitliches „Warm-Up“ für das gesamte Team leiten.

Des Weiteren ist ein Therapeut nicht nur für die physiologischen und körperlichen Beschwerden der Spieler zuständig. Oft spielt auch die psychologische Komponente eine große Rolle. Viele Spieler sind stellenweise einfach froh, dass sich jemand 10 bis 15 Minuten um seine ganz persönlichen Probleme kümmert. Man fühlt sich wertgeschätzt und kann sich für einen kurzen Moment entspannen (falls die Behandlung nicht allzu schmerzhaft ist). Außerdem dient ein Physiotherapeut gerne auch mal als eine Art Kummerkasten: Die Spieler können sich bei Bedarf ihren ganzen Frust von der Seele reden. Bei Fragen wie „Wieso stellt mich der Trainer nicht auf?“ oder auch bei ganz privaten Angelegenheiten wie Beruf oder Familie, steht der Therapeut als neutrale Person mit Rat und Tat zur Seite.

Fehlende Bereitschaft der Spieler

Wenn man Physiotherapeut und gleichzeitig Amateurfußballer auf Kreisliga-Niveau ist, betrachtet man gewisse Dinge von einem anderen Standpunkt aus. Und leider muss ich sagen: Amateurkicker zählen zu den „schlimmsten“ Patienten. Wieso? Als Therapeut stelle ich meinen Patienten immer die Frage: „Was sind Sie bereit selbst zu tun, damit sich Ihr Gesundheitszustand verbessert?“ Und bei unseren Kreisligahelden ist die traurige Wahrheit meistens: wenig bis gar nichts.

Viele Menschen haben immer noch die Vorstellung, dass es bei der Physiotherapie zugeht wie in einer Autowerkstatt: Ich gebe meinen Körper kurz ab und ein paar Minuten später läuft wieder alles wie geschmiert. Dieses Denken ist bei Fußballern sehr stark verbreitet. „Kannst du mal ganz schnell gucken? Ich habe seit mehreren Wochen Schmerzen!“ oder „Hast du Tape dabei?“ sind Fragen, die mir teilweise während dem Warmmachen oder fünf Minuten vor Anpfiff gestellt werden. Doch eine adäquate und wirkungsvolle Behandlung zwischen Tür und Angel ist in meinen Augen nicht möglich.

Ernst gemeinte Ratschläge und Tipps zur Genesung, wie beispielsweise Eigen- bzw. Heimübungen (vielleicht auch mal 15 Minuten vor oder nach dem Training alleine zu arbeiten), der Kauf von Hilfsmitteln (z.B. Blackroll oder Tape) oder der Rat zum Arzt zu gehen, werden meistens aus Bequemlichkeit gekonnt ignoriert. Stattdessen wird im Training munter drauf los gekickt und der Spieler wundert sich, warum er sich immer öfter verletzt oder eine nicht vollständig ausgeheilte Verletzung wieder aufbricht.  Ohne die eigene Bereitschaft etwas gegen eine Verletzung zu tun, wird es jeder Therapeut schwer haben, den Gesundheitszustand eines Patienten zu verbessern.

Was kann der Verein selbst machen?

Auch die Verantwortlichen jedes Vereins sollten den Zustand ihrer medizinischen Versorgung hinterfragen. In erster Linie sollte gewährleistet sein, dass der Therapeut optimal arbeiten kann.  Das fängt mit einer ordentlichen Vergütung an und geht mit dem Besorgen einer vernünftigen Behandlungsliege weiter. Diese Liegen sind mittlerweile relativ kostengünstig (unter 100 €) zu erwerben und man ist nicht gezwungen sich auf den schmutzigen Fußboden oder auf die 20 bis 30 cm breite Kabinenbank zu legen.

Jeder Verein sollte außerdem bemüht sein, einen kleinen Bereich für die medizinische Betreuung einzurichten. Sei es nur ein kleiner Abstellraum oder eine Ecke in der Kabine: Wichtig ist, dass sich der angeschlagene Spieler zurückziehen kann und ein wenig Privatsphäre hat. Es gibt nämlich kaum etwas Anstrengenderes für Therapeut und Patient als fünf Mannschaftskollegen, die um die Behandlungsbank stehen, blöde Sprüche kloppen oder den Mitspieler auf der Behandlungsliege piesacken. Materialien wie Tape oder Verbandszeug sollten finanziert werden, denn im Alltag bleibt nicht selten der Physio auf seinen Ausgaben sitzen.

Eine weitere Möglichkeit um Verletzungen präventiv entgegenzuwirken, ist das Training mit Experten: egal ob professionelles, geräteunterstütztes Athletik-Training oder zwei, drei Stunden bei einem gebuchten Personal Trainer. Aus diesen Einheiten können Trainer und Spieler viele Übungen in den Trainingsalltag integrieren. Oftmals gibt es auch den einen oder anderen Spieler in den eigenen Reihen, der in der Gesundheits- oder Fitnessbranche arbeitet und Tipps, Tricks oder Übungen auf Lager hat.

Die Zusammenarbeit mit einer naheliegenden Physiotherapiepraxis ist auch eine gute Alternative. Diese Praxis sollte als erste Anlaufstelle bei kleineren oder mittelschweren Verletzungen dienen. Dinge wie die Anlage eines Tapes vor einem Spiel können auch dort vorgenommen werden, falls man keinen Physio für die Betreuung sonntags auf dem Platz finden kann.

In meinen Augen ist dieses Geld wesentlich besser und nachhaltiger angelegt, als für neue Spieler zur unnötigen Verbreiterung des Kaders oder Notkäufe mit verhältnismäßig hohen Ablösesummen im Winter.

Für viele potentielle Neuzugänge ist der Zustand oder das generelle Vorhandensein einer medizinischen Betreuung mittlerweile wichtiger als das neueste Trainingsequipment oder die Frage, welche Biermarke ausgeschenkt wird. Somit ist die medizinische Betreuung in der heutigen Zeit ein wichtiger Faktor bei der Vereinswahl von Spielern.

Mehr Selbstverantwortung

Als langjähriger Physiotherapeut bin ich der Meinung, dass die Spieler sowie die Vereinsverantwortlichen mehr Eigenverantwortung tragen sollten. Spieler sollten ihre Gesundheit wesentlich mehr wertschätzen und aktiv etwas für ihre Genesung und ihren Körper tun. Vorstandsmitglieder sollten ebenfalls bemüht sein, die Rahmenbedingungen für eine gute Rehabilitation von Spielern zu gewährleisten. Auch Führungspositionen wie sportlicher Leiter oder Trainer, die nah an der Mannschaft sind, sollten ihren Spielern immer wieder ins Gewissen reden und am Ball bleiben, ob die Spieler auch wirklich etwas für ihre Gesundheit tun.

Matthias Lukarsch ist staatlich examinierter Physiotherapeut und absolvierte die Fortbildung zum Sportphysiotherapeuten bei DFB-Chefphysiotherapeut Klaus Eder in Donaustauf. Unter anderem betreute er die Fußballmannschaft des FC Eschborn, sowie diverse Sportler aus anderen Bereichen. Mitte dieses Jahres eröffnete er seine eigene Praxis (Orthonom – Praxis für Wirbelsäulen- und Gelenktherapie) in der Wiesbadener Innenstadt. Mit verschiedenen Behandlungsmethoden betreut er Sportler von der Erstversorgung bis zum Comeback im Wettkampf. Privat schnürt er die Fußballschuhe für den Kreisoberligisten SG Wildsachsen. Fragen rund um das Thema Physiotherapie im Amateurfußball beantwortet Matthias Lukarsch gerne unter info@physio-orthonom.de.

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