Interview: Christos Pipsos (ehemaliger Trainer von Hellas Schierstein)

Der Mittelkreis sprach mit Christos Pipsos, nachdem sich Hellas Schierstein (KOL Wiesbaden) vor wenigen Tagen sehr überraschend von ihm getrennt hatte. Hier das - sehr ausführliche - Interview.

Mittelkreis: Du bist nicht mehr Trainer von Hellas Schierstein. Wie überraschend kam Die Entlassung für Dich?

Christos Pipsos: Es kam für mich überraschend. Und ehrlich gesagt, bin ich irritiert. Da triffst Du dich 2-3-mal die Woche mit dem Präsidenten oder 2. Vorsitzenden des Vereins im Café oder auf dem Sportplatz und es wird Dir immer wieder gesagt und bestätigt wie gut deine Arbeit ist, und es wird sogar gemeinsam für die Rückrunde geplant und entschieden.
Noch Mittwochabend traf ich mich mit meinen Trainerkollegen Michel Badal, um meinen ausgearbeiteten Trainingsplan für die Rückrundenvorbereitung zu besprechen. Am Freitagmorgen, so gegen 10:00 Uhr rief mich dann unser Vorsitzenden Vassily Anagnostakis und fragte mich ob wir uns nachmittags gegen 16:00 Uhr zu einem Kaffee treffen könnten, da er mit mir etwas besprechen möchte.
Nur dieses Mal war es kein Gespräch, sondern lediglich die Worte „Ich habe heute schlechte Nachrichten für Dich. Wir werden uns mit sofortiger Wirkung von Dir trennen.“ Nach ein paar Sekunden der Stille, ergänzte er: „Die Chemie zwischen uns passt nicht mehr.“

Mittelkreis: Was waren die Gründe?

Christos Pipsos: Ehrlich gesagt, was die wahren Gründe waren oder sind, darüber kann ich nur spekulieren, weil es meiner Meinung nach, aufgrund sehr vieler Zustimmungen an meiner Trainerqualität und -arbeit nicht gelegen haben kann. Warum stimmte also die Chemie nicht mehr? Auch das kann ich eigentlich nicht so stehen lassen, denn wir haben uns permanent ausgetauscht und ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmt.
Ich habe die Mannschaft Anfang der Saison als Aufsteiger in die Kreisoberliga Wiesbaden übernommen. Die Truppe wurde mit einigen Neuzugängen aufgestockt und meine Aufgabe war es eine Mannschaft daraus zu formen, von einer Manndeckung auf Raumdeckung umzustellen und der Mannschaft Disziplin einzuimpfen. Parallel dazu sollte die Mannschaft um die oberen Plätze und wenn es geht um den Aufstieg spielen. Das war anfänglich ein „Motz-Programm“, aber genau diese Herausforderung habe ich gesucht und daran habe ich akribisch nach Plan vom ersten Moment daran gearbeitet und danach gehandelt.

Mittelkreis: Gab es keine Anzeichen einer Entlassung?

Christos Pipsos: Nun ja, direkte Anzeichen nicht. Vielleicht ist es so, dass ich grundsätzlich kein „JA-Sager“ bin. Die Aufgabenstellung ist schwer genug. Hier aus Gründen irgendwelcher Hörigkeiten vom Plan abzuweichen, war nie mein Stil. Natürlich hatten wir hier Diskussionen. Aber weil wir sie hatten und zum Schluss auch ein gemeinsames Ergebnis, habe ich keine Störung der Chemie erkennen können. Hellas hat seine eigenen Strukturen, die nicht unbedingt mit der neuen Ausrichtung zusammenpassen. Reibungen sind hier für mich genau so normal, wie das konstruktive Weiterarbeiten an der Sache.
Was könnte es also noch sein? Vassily Anagnostakis hat den Verein vor ein paar Jahren als Vorsitzender in der C-Klasse Wiesbaden übernommen und mit Engagement und sehr viel Sponsorengeld  - und wenn ich sehr viel sage, dann meine ich wirklich sehr viel – bis in die Kreisoberliga geführt. Das bedeutet: Bisher wurde der Erfolg immer in Form von „Wechsel von Top-Spielern zu Hellas“ erkauft. Das dafür definierte Budget stand nie in Relation zu der jeweiligen Liga und das war auch diese Saison so.

Darüber hinaus wurde meiner Ansicht nach nicht auf die passenden Charaktere bei der Formierung des 22er Kaders geachtet. Dem entsprechend hatten wir innerhalb der Mannschaft auch viele Turbulenzen und Stress, der zum Glück nicht nach außen drang. Die ersten zwei Spieler haben den Verein bereits vor Ihrem ersten Einsatz in der ersten Mannschaft verlassen, weil ich Sie direkt nach Ihrem Urlaub nicht für die erste, sondern für die zweite Mannschaft nominiert habe. Darüber hinaus war für einige Spieler der Konkurrenzdruck zu hoch und weitere waren einfach während des Trainings oder den Spielen nicht diszipliniert genug. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist: Disziplin muss letztendlich über dem Geld stehen bzw. Geld kann hier nicht die Grundlage sein, sie je zu ersetzen. So können einfach ein Verein und Mannschaft nicht geführt werden. Es muss eine Mentalität da sein, die eine Gemeinsamkeit auslöst und keineswegs persönliche Befindlichkeiten berücksichtigt.
Beispiel: Die Freistellung von Turgay Erkan durch unseren Vorsitzendem nach dem verlorenem Spitzenspiel gegen Meso oder die „Beurlaubung“ unseres Top-Stürmers Avdyl Halliti, der zu diesem Zeitpunkt schon über 20 Tore hatte, hatte etwas damit zu tun. Eine Konsequenz, die wir übrigens in der Führung alle gemeinsam entschieden haben.
Zum Thema „Aufräumen“ und „Neuaufbau“ hatten wir dann unglücklicherweise auch  Verletzungsprobleme. Zum Schluss zählte unser Kader nur noch 10 – 11 Mann. Um die Ruhe und Zuverlässigkeit unter den restlichen Streitern aufrechtzuerhalten, habe ich dann 2-3 Leute von der zweiten Mannschaft integriert. Die Folge: Jeder kämpfte auf einmal wieder für den anderen und alle folgenden Spiele wurden mit unseren Minimalkader gewonnen. Die Mannschaftsgeschlossenheit, die Harmonie und der ins Wanken geratene Erfolg kamen wieder zurück. Das war für mich der richtige Weg.
Mein Konzept ging auf. Denn ich wollte von Anfang an ein funktionierendes Mannschaftsgefüge formen. Ein Team, in dem der eine für den anderen da ist. Ein Team, das nicht nur für die Aufwandsentschädigung kämpft, sondern auch für seinen Spielerkollegen und für den Verein. Ich hab von Anfang an kein Geheimnis gemacht, wohin die Reise gehen soll: Bei Hellas gehen Spieler an den Start, die sich für den Verein positionieren und nicht wegen Geld antreten. Und diese Strategie, spricht nicht gerade für die, vor meiner Zeit.

Ich bin nun 48 Jahre alt und kenne Hellas bereits als Spieler seit meinem 17. Lebensjahr. Ich war in der Vergangenheit Spieler, Trainer und Vorstand von Hellas Schierstein. Ich kenne die Mentalität des Vereins, ich weiß wie die Griechen von der Hellas sprachen: Es fielen Worte wie „verlorene Identität“, und genau diese Probleme habe ich öfters mit unserem Präsidenten besprochen und wollte, dass wir gemeinsam mit ihm das Hellas der Zukunft bauen.

Ich half auf Bitte des Vorstandes bei der Entwicklung einer neuen Vereinssatzung. Ich habe mich hier für die Werte Loyalität, Gleichberechtigung und Fairness eingesetzt. Ich wurde immer gefragt wie es in anderen Vereinen gehandhabt wird und habe demnach versucht meine Erfahrungen, dem Vorstand zu vermitteln.

Ich habe mich für selbstverständliche Dinge, die Ruhe in die Mannschaft und in die Arbeit des Trainerteams bringen, eingesetzt. Auch positive, dass die Mannschaft z.B. bei der Weihnachtsfeier, die vom Verein festgesetzt wurde, ihr Essen nicht selbst zahlen soll. Oder auch, dass die Mannschaft während des Spieltages einen Betreuer an ihrer Seite braucht, sodass nicht ich als Trainer sich um Spielberichtsbogen, Trikots, aufgepumpte Bälle, Hüttchen, Leibchen, Wasser für die Spieler, Wasser für den Gegner,  Sanitätskoffer, und, und, und … kümmern muss. Ich muss mich voll auf das Spiel konzentrieren, die gegnerische Aufstellung studieren und evtl. noch mit dem einen oder anderen Spieler nochmal reden. Diverse Selbstverständlichkeiten, um letztendlich erfolgreich sein zu können.

Wir hatten ja noch nicht einmal ein Lokal, wo sich die sich die Mannschaft zu einer Spielersitzung hat treffen können, bei der man üblicherweise Mannschaftsprobleme zu besprechen oder einfach nur bei einer „Pflichtsitzung“ gemeinsam eine Cola trinkt. Alle diese Anregungen waren unserem Vorsitzenden vielleicht auch zu viel.

Ein weiterer Punkt, der vielleicht auch ein Grund meiner Entlassung sein könnte, ist, dass meine Frau, vom Beruf Buchhalterin, bei der letzten Mitgliederversammlung am 29.11.2014 von den Vereinsmitgliedern mit zwei weiteren Personen in das Amt der Kassenkontrolle gewählt wurde. Einen Tag nach dieser Wahl wurde ich vom Vorsitzenden Anagnostakis zu einem Gespräch gebeten, übrigens direkt nach einem erfolgreichem 4:1 gegen Biebrich 02. Da wurde mir gesagt, dass ich meiner Frau mitteilen soll „Sie möge sich nicht in die Geldangelegenheiten des Vereins einmischen“. Daraufhin habe ich geantwortet, dass die Mitgliederversammlung sie gewählt hat und er das Gespräch mit den Leuten der Kassenkontrolle besprechen soll und nicht mit mir. Eine für mich höchst merkwürdige und irritierende Situation. Ich wollte hier nicht weiter nachfassen, meine Arbeit bezog sich vollends auf die Mannschaft. Finanzen sind Vereinssache bzw. im Rahmen ihrer Regelungen zu handeln.

Aber schauen wir genau hin, ich meine auf die Historie des Vereins. Dann funktioniert er im Großen und Ganzen nicht so, wie man es vielleicht von anderen Vereinen kennt. Normal ist demnach ein geschäftsführender Vorstand, bestehend aus mehreren Mitgliedern. Bei Hellas hat der Vorstandsvorsitzende den Verein über Jahre alleine geführt. Alles war in seiner Hand. Und genau dieser Vorzug, ist anscheinend bis zum jetzigen Zeitpunkt immer noch der Fall. Da bin ich als Trainer mit all meinen Vorstellungen, Plänen und Strukturen nicht unbedingt, die angenehmste Person. Und man spürt schon, wenn man die Allmacht in Frage stellt oder anderer Meinung ist.

Bei meiner Entlassung teilte mir der Vorsitzende Anagnostakis mit, dass der neunköpfige Vorstand sich einstimmig gegen mich entschieden hat. Also sehr viele. Ein paar Leute vom Vorstand, wussten aber aufgrund meiner Nachfrage nichts von der Trainerentlassung. Auch hier steckt wieder eine Wahrheit, auf dem Weg zur allgemeinen Klarheit.
Wichtig: Ich will nicht alles schlecht reden. Anagnostakis hat viel für den Verein gemacht. Hat ihn innerhalb von vier Jahren von der C-Klasse in die Kreisoberliga gebracht. Das allerdings mit einem hohen kapitalen Investment, ohne Aussicht auf eine nachhaltige Fortentwicklung des Vereins in eine Richtung mit Plan & Struktur.

Wenn ich mir das folglich alles so überlege: Dann sind es wahrscheinlich viele Gründe möglicher Unbequemlichkeit, weshalb ich entlassen wurde. Was tatsächlich ausschlaggebend war, also die Wahl meiner Frau am 29.11.2014 (da fand die Mitgliederversammlung inkl. Vorstandswahlen statt) für die Kassenkontrolle oder, dass ich mich zu engagiert um ein funktionierendes Hellas mit Struktur bemüht habe … vieles ist nicht auszuschließen und wird eigentlich klarer hinsichtlich der letzten Worte bei meiner Entlassung seitens Anagnostakis: „Jetzt kannst Du zu einer funktionierenden Mannschaft mit Strukturen wechseln. Das sind wir hier wohl nicht. Wir sind Hellas. Ich wollte dich schon im November entlassen. Aber Petro, der zweite Vorsitzende, hat mich davon abgehalten. Ich bin der Präsident und ich entscheide. Gespräch beendet.“ Ich denke, so wird’s dann letztendlich gelaufen sein.

Mittelkreis: Wie geht es nun weiter für Dich, gibt es schon Anfragen?

Christos Pipsos: „Lebbe geht weiter“ sagte mal ein berühmter Trainer. Und das gilt für mich und alle anderen auch. Der Fußball wird mir in den nächsten Tagen, Wochen und Monate sicherlich unheimlich fehlen. Ich hätte gerne die „neue“ Mannschaft – es sind fünf neue Spieler in der Winterpause gekommen – in der Rückrundenvorbereitung geformt und versucht, die 8 Punkte Rückstand bis zum Tabellenführer aufzuholen. Da ist nun nicht mehr meine Aufgabe.
Der Zeitpunkt meiner Entlassung ist sehr unglücklich, da alle Vereine einen evtl. Trainerwechsel für die Rückrunde schon vollzogen haben. Mal schauen was passiert. Vielleicht kommt ja was. Ich bin für alles offen.

Mittelkreis: Was traust Du Hellas noch in der Restrunde zu?

Christos Pipsos: Die Mannschaft hat Potential. Ob sie es schafft, hängt letztendlich von ihrer Disziplin und Einstellung ab. Ich wünsche ihr alles Gute.

Und was den Verein betrifft: Ich habe eine Entwicklung gesehen, die vielleicht nicht innerhalb von einem Jahr oder zwei Jahre zu realisieren ist. Jedoch wäre sie wichtig, um dauerhaft oben mitzuwirken. Den Weg, den Hellas in den letzten Jahren gegangen ist, wollten wir vermeiden. Meiner Ansicht nach ist es der Rückschritt und die Vergangenheit. Die Zukunft kann hier vielleicht wieder warten. Es gab die großen Zeiten, z.B. damals vor 20 Jahren, als der Vorsitzende sich in der Presse mit spektakulären Transfers u.a. aus der ersten des ehemaligen Jugoslawien und Albanien einen Namen machen wollte, d.h. den Verein auch um jeden Preis nach oben führen war das Ziel. Das ging ein paar Jahre gut. Doch dann fiel der Verein wieder ins Nichts. Heute sind viele Parallelen zu erkennen. Davor habe ich Angst. Schließlich bin ich selbst Mitglied seit sehr langer Zeit. Ich hoffe, dass sich irgendwann etwas Neues ergibt. Wir hätten es alle verdient.

2 Kommentare für “Interview: Christos Pipsos (ehemaliger Trainer von Hellas Schierstein)”

  1. Chris

    Hier wurde wieder viel Geld inbestiert um „künstliche Gebilde“ zu schaffen. Hellas ist hier kein Einzelfall. Man schaue auf Italia. Ein Vereinsleben und eine Struktur kann man sich nicht erkaufen, da gehört Idealismus und ehrenamtliches Engagement dazu. Vor allem auch Jugendarbeit. Und hier fehlt es bei beiden genannten Vereinen. Kurztfristig kommt Erfolg mit dem Geld, aber langfristig ist ein Verein so nicht zu führen. Positive Beispiele für ein gutes Vereinsleben gibt es auch genug…nehmen wir Sonnenberg oder Naurod. Hier wird aus wenig viel gemacht und es gibt eine stattliche Anzahl an ehrenamtlichen Helfern. Nur so funktioniert es. Es gehören alle dazu, egal ob Alte Herren, Jugend oder die Aktiven- nur so kann ein Verein auf Dauer überleben und auch mal Tiefpunkte überbrücken.

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    • Dimi

      Da bist du aber fehlinformiert lieber Chris.
      Ich bin seit Sommer 2015 einer der Jugendleiter bei Hellas. Bei 17 Kinder im August habe ich angefangen und nun zählen wir aktuell knapp über 54. Dafür daß wir einen Hartplatz haben, eigentlich ganz o.k. oder? Und hier ist alles Ehrenamt:
      2 Jugendleiter & einige engagierte Eltern.
      Und glaub mir lieber Chris, seitdem wir offizielles PAOK Saloniki Network Academy Mitglied geworden sind, leuchten bei vielen Eltern die Augen.
      Bevor du also wieder Sachen von dir gibst, welche meinen Einsatz schmälern, bitte vorher richtig informieren ;)

      Grüße

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