Medizinecke: Umgeknickt und jetzt?

Dr. Harald Hake

Dr. Harald Hake

Frische Bandverletzungen am oberen Sprunggelenk zählen zu den häufigsten Verletzungen überhaupt – bei 65 Prozent der Sportler ist das vordere Außenband betroffen. Zur Diagnose reichen die Schilderung des Unfallgeschehens, eine körperliche Untersuchung sowie häufig eine Röntgenaufnahme. Obwohl die meisten Patienten mit diesen Verletzungen bei ihrem Arzt oder in den Notfallambulanzen geröntgt werden, weisen weniger als 15 Prozent auch wirklich einen Bruch des Sprunggelenks oder des Mittelfußes auf.

Als Entscheidungsinstrument für Ärzte, ob geröntgt werden muss oder nicht, wurde mit den Ottawa ankle rules ein Punktesystem entwickelt. Danach müssen Patienten die sofort nach dem Trauma oder beim Arzt bzw. in der Notfallambulanz vier Schritte gehen können und keinen lokalisierten Druckschmerz am Innen- oder Außenknöchel sowie über der Syndesmose (wichtiges vorderes Band zwischen Waden- und Schienbein) besitzen, nicht geröntgt werden.

Der Bänderriss: Symptome, Diagnostik und Therapie
Je nach Schweregrad der Verletzung kommt es bei einem Bänderriss zur Schwellung und Schmerzen des gesamten äußeren Knöchels. Gerade bei Bewegungen und Gewichtsbelastungen treten starke Schmerzen auf, welche durch die Schwellung, Überdehnung oder eine Kapsel-Band-Verletzung verursacht werden. Wichtig zu wissen: Das Ausmaß der Schwellung korreliert nicht mit der Verletzungsschwere!
Besteht der Verdacht auf einen Bänderriss, erfolgt zunächst eine Röntgenaufnahme des Sprunggelenkes. Gehaltene Aufnahmen werden heutzutage nicht mehr empfohlen, weil das Aufdehnen nicht nur sehr schmerzhaft für die Patienten ist, sondern u.U. auch den Schweregrad der Verletzung noch vergrößert. Um die Diagnose zu sichern, wird ggf. noch eine Ultraschall-Untersuchung durchgeführt. Tritt eine Woche nach anhaltender Schmerzhaftigkeit und Belastungsunfähigkeit keine Besserung ein, empfiehlt sich die Durchführung einer MRT-Untersuchung.
Bei einem Bänderriss sollte sofort nach der Verletzung die PECH-Regel (P=Pause, E=Eis, C= Compression, H= Hochlagerung) angewandt werden. Am Klinikum Frankfurt Höchst werden alle Sportler initial mit einem funktionellen Tape-Salbenverband behandelt, der alle zwei bis drei Tage gewechselt wird. Zusätzlich bekommt der Sportler noch abschwellende Medikamente, wie z.B. Diclofenac, Voltaren oder Traumeel. Bei rückläufiger Schwellung wird eine individuell angepasste Sprunggelenksschiene (Orthese) verordnet. Nach spätestens 48 Stunden sollte wieder mit leichten Bewegungsübungen mit schmerzabhängiger Belastung begonnen werden, um die Schwellung weiter zu reduzieren und den Bewegungsumfang des Sprunggelenks wiederherzustellen.

Bewegung beschleunigt die Heilung. Daher lautet bei Bandverletzungen die Devise „Weg vom Gips – hin zur Funktion“. In den vergangenen Jahren hat sich die Behandlung dieser Sportverletzungen erheblich gewandelt. Experten sind sich heute weitestgehend einig, dass die Außenbandverletzungen unabhängig vom Ausmaß der Verletzung und unabhängig von der Anzahl der gerissenen Bänder lediglich mit Schienen, frühzeitiger Belastung und Physiotherapie sowie gezielter Bewegung und speziellem Gleichgewichtstraining therapiert werden sollten.
Nur in Ausnahmefällen werden Sprunggelenksverletzungen noch operativ behandelt. Umfangreiche klinische Studien haben gezeigt, dass eine konservative Therapie der operativen vorzuziehen ist. Dabei enden über 90 Prozent der herkömmlichen, nicht-operativen Behandlungen günstig für die Patienten. Die guten Ergebnisse der funktionell/konservativen Behandlung hängen damit zusammen, dass sich die Bandstümpfe nie sehr weit voneinander entfernen und die dort entstehende Narbe später schrumpft. Das zunächst nur locker Zusammengewachsene wird so wieder fest. Allein Patienten mit ausgedehnten Blutergüssen und Instabilitäten oder zusätzlichen knöchernen bzw. knorpeligen Verletzungen sollten noch operiert werden.

Die Rehabilitation nach Sprunggelenksverletzungen wird von Anfang an mit physikalischen und medikamentösen Mitteln sowie durch Muskeltraining unterstützt. Wobei eine an die jeweilige Sportart angepasste Physiotherapie die Verletzten von Beginn an begleitet. Übungen auf leicht instabilen Unterlagen erhöhen die Koordination der Muskulatur und sollten zur Stabilisierung des Gelenkes durchgeführt werden.
Weil das Risiko einer erneuten Verletzung nach einem ersten Bänderriss deutlich erhöht ist, empfiehlt sich das anfängliche Tragen einer Bandage während der Sportausübung, um so einem weiteren Umknicktrauma vorzubeugen.

Eine entspannte Winterpause und einen guten Rutsch ins neue Jahr, wünschst
Dr. med. Harald Hake

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